Die kleinen Himmelsboten kommen paarweise.
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Die kleinen Himmelsboten kommen paarweise.

TOD UND LEBEN BENEHMEN SICH NICHT WIE GEGENSÄTZE. EHER WIE NACHBARN, DIE SICH HEIMLICH ZUCKER LEIHEN.
CAÑAZA, PENINSULA DE OSA
Costa Rica, Regenwaldhitze. Düsseldorf, Juligrün mit Glas und Brunnen.
Am Morgen vor meiner Abreise sitzen die Koffer noch nicht im Flur, sondern nur als Gedanke in meinem Körper. Zwei rechteckige Unruhen. Zwei leere Mägen aus Stoff.Ich frühstücke barfuß, wie immer, mit Blick in das große Grün, das nicht draußen ist, sondern einfach überall. Die Luft schmeckt nach Mangohaut, Erde und ein bisschen Metall, als hätte die Nacht irgendwo heimlich einen Löffel vergraben. Da erscheinen sie.
Zwei Kolibris.
Nicht einer, wie manchmal, ein einzelner schillernder Kommafehler im Licht. Zwei. Direkt vor meinem Gesicht. Sie tanzen nicht hübsch, sie verhandeln. Mit der Luft, mit mir, mit der Zeit. Ihre Flügel sind nicht zu sehen, nur ihr Wille. Ein sirrendes Jetzt, so schnell, dass es still wird.
Ich halte den Atem an.
Einer der beiden kippt plötzlich aus der Welt und hinein in mein Haus. Durch die große Öffnung, hinauf ins Gewölbe, acht Meter hoch, wo die Balken dunkel sind und die Hitze sich sammelt wie ein sehr alter Gedanke. Er findet den Himmel nicht mehr. Oder der Himmel findet ihn nicht. Er schießt gegen das Maschendrahtlicht, wendet, steigt, sinkt, versucht es wieder.
Ich sage: Ach, du.
Mehr fällt mir nicht ein. Lucy kommt herein, meine Katze, weich und hochschwanger, eine kleine Göttin mit Staub an den Pfoten und dem Gesichtsausdruck einer Frau, die schon alles weiß und es aus Höflichkeit nicht sagt. Sie sieht den Kolibri. Sofort ist sie ganz Katze. Hüterin der Schwelle. Samtpfote mit Messerchen. Zwischen Küche und Kosmos setzt sie sich hin und beobachtet das Flirren über uns.
Ich muss fort. Morgen fliege ich nach Deutschland, acht Tage nur, um ein Projekt zu beenden. Als ob Projekte sich beenden ließen. Als ob nicht immer irgendwo ein Faden weiterläuft, durch Handgepäck, Zeitzonen, Träume, Katzenbäuche.Am Abend komme ich in der Dämmerung zurück. Der Kolibri ist noch da. Müde jetzt. Sein Glanz ist kleiner geworden, nicht verschwunden, nur zusammengerollt. Lucy sitzt auf der Empore und schaut hinauf, geduldig, professionell, beinahe zärtlich. Unten im Eingang stehen die zwei Koffer, die mein Gärtner mir gebracht hat. Sie warten dort wie zwei stumme Tiere mit Reißverschlussmäulern.
Dann kommt das Gewitter.
Nicht irgendein Tropenregen, nicht dieses freundliche tägliche Auswringen des Himmels. Sondern eines von denen, die nur drei Mal im Jahr kommen, wenn die Welt kurz die Fassung verliert. Es steht direkt über meinem Haus. Der Donner fällt nicht vom Himmel, er kommt aus den Wänden. Wind wirft Wassermassen durch den Maschendraht, weil ich keine Fenster habe, nur Vertrauen und Outdoor-Möbel. Die Vorhänge, die keine sind, schlagen. Die Luft riecht nach nassem Holz, Ozon und erschrockenen Blättern.
Ich setze mich in meinen Schaukelstuhl, mitten in die große Hütte, mit einem Glas Rotwein in der Hand. Es ist lächerlich gemütlich.
Der Regen peitscht quer durch mein Wohnzimmer, meine Koffer bekommen eine kleine Taufe, und ich sitze da wie eine Frau in einem sehr undichten Schiff, die beschlossen hat, das Meer nicht persönlich zu nehmen. Über mir kreist, irgendwo im Dunkel, noch immer der kleine Bote der Freude, der Zeitlosigkeit, dieser winzige Grenzgänger mit Herzschlagmotor. Unter ihm wacht Lucy. In ihr schlafen vielleicht schon fünf oder sechs neue Katzen, zusammengerollt wie Fragezeichen. Als ich später ins Bett gehe, sehe ich ihn. Lucy hat den Kolibri gefangen. Er liegt da, so klein, dass der Tod sich fast schämt. Ein grünes, dunkles, federleichtes Geheimnis. Ich mache nichts. Ich bin zu müde, zu nass, zu nah an der Abreise. Ich lasse ihn liegen und schlafe.
Im Morgengrauen kommt Lucy zu mir. Das tut sie sonst nie.
Sie steigt auf mein Bett, legt sich schnurrend auf meinen Bauch, schwer und warm, ihr eigener Bauch rund an meinem. Ihr Schnurren läuft durch mich wie ein alter Generator. Ich lege die Hand auf sie. Unter Fell und Haut arbeitet Zukunft. Ich denke: Bitte nicht jetzt. Bitte nicht in diesen acht Tagen. Bitte warte, kleine Schwellenkönigin. Bitte halte die Türen noch geschlossen.
Als ich aufstehe, ist der Kolibri verschwunden. Lucy hat ihn gefressen.
Nur ein paar Federn liegen in ihrem Bett. Winzige Splitter von Smaragd und Nacht. Ich stehe davor und verstehe nichts, aber es fühlt sich nicht falsch an. Eher wie eine Nachricht, die nicht in Sprache passt. Freude geht in Katze über. Flug in Bauch. Zwischenwelt in Milch.
Zwei Tage später lande ich in Düsseldorf.
Die Luft ist glatt hier. Gepflegt. Sie trägt Linden, Abgase und eine Erinnerung an Regen, der sich benimmt. Ich wohne im Gartenhäuschen einer Freundin. Kaum bin ich angekommen, kaum fällt die Tür hinter mir ins Schloss, höre ich einen kleinen Knall.
Vor der Glastür sitzt ein Vogel.
Eine junge Amsel. Noch nicht ganz die schwarze Sängerin, noch nicht die keltische Schwarze Sonne mit gelbem Schnabel und Liedern aus der Unterwelt. Eher ein braunes, zerzaustes Kind der Dämmerung, erschrocken vom unsichtbaren Himmel, der Glas heißt.
Ich hebe sie auf.
Ihre Füße sind dünn und erstaunlich fest auf meiner Hand. Ihr Körper ist warm, das Herz darin ein winziger Trommler, beleidigt und lebendig. Sie bleibt. Sie will nicht weg. Ich gehe sogar mit ihr hinein, um mein Handy zu holen, weil ich in solchen Momenten offenbar immer noch denke, ein Foto könne beweisen, dass die andere Welt kurz an der Terrassentür geklopft hat.
Ich setze sie auf einen Ast. Sie fliegt zurück zu mir.
Also nehme ich sie wieder, setze mich mit ihr auf den Liegestuhl und warte. Wir sitzen da, die junge Amsel und ich, zwei Angereiste unter Düsseldorfer Blättern. Irgendwann geht sie. Nicht dramatisch. Einfach so. Als hätte sie nur sichergehen wollen, dass ich angekommen bin.
Eine Woche später bin ich im Altenheim meiner Mutter.
Dort ist die Zeit anders gefaltet. Sie riecht nach Suppe, Desinfektion, alten Pullovern und den Blumen, die Menschen mitbringen, wenn sie nicht wissen, wohin mit ihrer Liebe. Im Garten finde ich einen winzigen grauen Jungvogel. Unscheinbar, weich, fast farblos. Als hätte jemand eine Seele skizziert und vergessen, sie auszumalen. Ich nehme ihn auf die Hand. Er wehrt sich kaum. Er ist ganz Zwischenraum. Noch nicht oben, nicht unten. Noch nicht Lied, noch nicht Flug. Ich trage ihn zu dem kleinen Steinbrunnen, an dem ich vor zwei Jahren zum letzten Mal mit meinem Vater sitze, kurz bevor er stirbt. Der Stein ist kühl. Das Wasser plätschert so bescheiden, als wolle es niemanden stören. Der Vogel beugt sich vor und trinkt.
Da ist mein Vater.
Nicht als Erscheinung, natürlich nicht. Keine weiße Tunika, kein Bühnennebel. Nur dieses leise Zusammenrücken von Wasser, Hand, grauem Flaum und Erinnerung. Der Brunnen steht da wie ein Mund der Erde, und der kleine Vogel trinkt daraus, als nähme er einen Gruß entgegen. Ich setze ihn auf einen Ast.
Auch er kommt zurück zu mir. Da muss ich lachen. Leise, damit die Ahnen sich nicht erschrecken.
Zwei Kolibris in Costa Rica. Zwei Vögel in Deutschland. Zwei und zwei, eine kleine Arche aus Zeichen. Drüben der Sturm, die schwangere Katze, der gefressene Vogel. Hier Glas, Amsel, Brunnen, Vaterwasser, grauer Atem. Tod und neues Leben benehmen sich nicht wie Gegensätze. Eher wie Nachbarn, die sich heimlich Zucker leihen.
Ich halte den jungen Vogel noch einen Moment. Seine Krallen kitzeln meine Haut. Über mir rauscht ein deutscher Baum, sehr ordentlich, sehr grün. In mir fliegt etwas weiter, das längst gefressen wurde. Und irgendwo in Costa Rica liegt Lucy vielleicht schon in einer dunklen Ecke, rund wie der Neumond, und öffnet eine Tür nach der anderen.
