Beitrag teilen

Wildes Düsseldorf

Nein, der Himmel ist nicht gegangen! Alle Vögel sind noch da.

FIKTION IST WIE EIN SPINNENNETZ, VIELLEICHT NUR GANZ LEICHT BEFESTIGT, ABER DENNOCH AN ALLEN ACHT ECKEN MIT DEM UNIVERSUM VERBUNDEN.

Frei nach Virginia Woolf

Düsseldorf, Deutschland

Am 5. November 2024 ist in Düsseldorf mit herbstlich-grauem Wetter zu rechnen, das durch hartnäckigen Nebel oder Hochnebel geprägt ist. Die Temperaturen bewegen sich in einem milden Rahmen, mit Höchstwerten, die oft zwischen 10 und 14 Grad liegen, während es nachts deutlich abkühlt. Es bleibt überwiegend trocken. Quelle: KI / Google.

Es ist die alte Hochdruck-im-Herbst-Leier: Auch in dieser Nacht bildet sich wieder in weiten Teilen des Landes Nebel oder Hochnebel. Dazu kühlt es auf 0 bis 7 Grad ab. In einem Streifen von Niedersachsen bis Sachsen und Nordbayern ist Bodenfrost möglich. Quelle: Wetter.de

Ich muss eine Zigarette rauchen. Es ist mitten in der Nacht. Ich bin gar keine Raucherin aber ich brauche etwas das durch die Luft fliegt, so wie das Flugzeug, das mich bald wieder zurück bringt in die Wildnis. Also kreiere ich Rauch, um in Kontakt mit den Bewohnern dieser anderen Welt zu kommen, meinen Freunden, die auf der anderen Seite leben, dort, wo es nichts gibt, das man anfassen kann, nur Gedanken und Gefühle, Spirits. Wildheit. Tiere. Wilde Tiere. Alles, was es hier nicht mehr gibt. Ich darf das nicht verlieren, diesen Kontakt. Ich muss zu meinem Wal und zu meinem Puma. Meinem Kolibri.

Es war so schön nebelig heute, wie dicke rauchige, wabernde Watte lag er im Zoopark über den Wiesen. Heute morgen war ich dort zum joggen. Auf dem Rückweg bin ich über eine hochstehende Steinplatte im Bürgersteig gestolpert und auf meine Knie gefallen. Ja, ich fand mich für eine Millisekunde auf Knien und Händen wie ein Tier, völlig symmetrisch, gleichmäßig das plötzliche Gewicht auf alle 4 Punkte verteilt. Irgendwie bin ich aber im Fallen auf einmal zu einem Zwischending zwischen einer geflügelten Katze und einem Wal geworden und die beiden haben meinen Körper blitzschnell herumgedreht, so eine geflügelte Wal-Katze, um mich aufzurappeln und sofort wieder auf meine Füße zu kommen. 

Am Abend ist es aufgeklart. Der Nebel ist auch ein wunderschönes Tor in diese andere Welt, aber jetzt ist er weg, weit oben, jetzt muss ich selber Rauch machen. 

Ich streife durch meine Wohnung in völliger Dunkelheit, ich brauche kein Licht zu machen, denn ich kann ohne Licht alles sehen. Den langen schmalen Flur, die Kiste mit den aussortierten Büchern und all den Geschichten, die im Weg steht, dicht neben der Wohnungstür. Ich schleiche wie eine Raubkatze elegant um sie herum. Ich gehe ins Wohnzimmer und setze mich aufs Sofa und höre ein wenig zu, diesen Stimmen, die aus der Kiste kommen. Strenge, wissenschaftliche tiefe Stimmen, belehrend, vermischt mit sanften schummrigen Reimen, schlüpfrigen schnodderigen Lauten und Weisheiten aus der östlichen Welt. Stehe auf, gehe in die Küche und öffne die linke obere Schublade, wo meine Zigaretten liegen. Vorne mittig, ich greife zielsicher zu. Das Feuerzeug liegt auf dem Esstisch, neben der schmalen grünen Blumenvase. Stelle mich in die geöffnete Gartentür, schaue lange in die kleine Flamme und rauche mich dann in die Dunkelheit hinein. 

Es ist so etwa halb drei und ganz still, denn obwohl ich mitten in der Großstadt wohne, ist mein Garten eine Oase der Ruhe. Plötzlich singt ein Vogel. Ein Lied aus der anderen Welt. Ein schönes Lied, bestehend aus drei Intervallen, hoch, tief, etwas höher. Er singt drei mal dasselbe Lied. Hoch, tief, etwas höher. 

Im November singen überhaupt keine Vögel in Düsseldorf, und schon gar nicht nachts. Aber ich habe ihn gerufen, deshalb macht die Natur heute Nacht in diesem schönen Stadt-Garten eine Ausnahme. Hoch, tief, etwas höher. 

Gestern im Büro hat mich meine Mitarbeiterin gefragt, wie es mir denn geht, hier, so weit weg von meinem neuen Dschungel-Zuhause. Ich musste gar nicht überlegen zu antworten, und sagte ihr, dass mir hier die Wildheit der Natur in jedem Moment fehlt. Ich erinnere mich noch, dass ich gesagt habe: „Es gibt hier nichts Wildes mehr“. Ich hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, da flog eine lustige kleine Meise durch die geöffnete Bürotür herein, setzte sich oben auf meinen Bildschirm und schaute mich an. Ich war wie erstarrt, und dachte sofort, oje, wie konnte ich nur die Existenz von euch Vögeln hier verleugnen. Natürlich seid ihr hier, und ihr seid wirklich wilde Tiere. Meine Mitarbeitern sprang auf, sie hatte noch das Erlebnis mit dem Eichhörnchen im Kopf, das eines Sonntags durch unsere Schaufenster hüpfte und die Menschen draußen bei ihrem Sonntagsspaziergang aufschreckte. Das Ganze hatte dann einen Feuerwehreinsatz ausgelöst, bei dem das wilde kleine Eichhörnchen befreit werden konnte. Das ist auch eine schöne Geschichte, aber die erzähle ich euch ein anderes mal. 

Zum Glück fand der Vogel schnell wieder alleine den Weg zurück nach draußen.

Der kleine Vogel Hoffnung, natürlich bist du ein wildes Tier, ein wunderschöner Spirit in dem Beton-Jungle meiner Stadt. Und natürlich lebst du hier. Herrje, wie konnten wir das vergessen. 

Der Himmel hat seine Vögel genommen und ist gegangen – das steht auf einer Hauswand am Worringer Platz. 

Und es kommt mir grade in den Sinn. Der Worringer Patz, das ist ein sehr trauriger Ort mitten in der City und er erzählt von Drogen und Gewalt und Elend. Die Kräfte, die an diesem Ort wirken, sind bestimmt von einer sehr traurigen Geometrie, einer Geometrie des menschlichen Leids, das durch 8 Straßen hinein zum Platz hin fliesst, gleich den Beinen einer giftigen Spinne, die hier wild um sich beißt, und alles Leben in ihr grausames Netz webt und dort mit ihren klebrigen Fäden die Menschen unwiderruflich bei lebendigem Leibe gefangen hält. 

Wenn wir unsere gebaute Umwelt in Ordnung bringen, indem wir die Energie an einem Ort wandeln, von einer solch destruktiven zu einer nährenden Kraft werden liessen, dann könnten wir viel menschliches Leid abwenden und zum Guten verändern. Heilen. 

Alles Wissen steckt in der Natur. In den wilden, ungezähmten Aspekten unseres Daseins. Im natürlichen Verhalten von Flora und Fauna. Ich muss an meine Katze denken. Sie ist ein ganz besonderer Spirit und sie hält unser Haus in Ordnung. Ihr wisst, ich habe hier große Spinnen, die sich auch manchmal in meine 4 Wände verirren. Dann kommt Lucy und spielt mit ihr. Sie bricht ihr in einem lustigen und possierlichen Tanz nacheinander ihre Beine. Und dabei ist die Reihenfolge wichtig, es ist immer die gleiche Kombination der Beine und es ist immer dasselbe Bein, das sie sich zuerst vornimmt. Auf sieben Beinen ist Madame noch einigermaßen fit, sie wehrt sich noch ordentlich und ist auch noch ziemlich flink unterwegs. Wenn jetzt eine fette Beute vor ihren Augen auftauchte, könnte sie diese wahrscheinlich noch mit einiger Mühe erledigen und in ihr Spinnennetz einweben. Aber wenn Lucy ihr das zweite Bein gebrochen hat, kann sie sich Zeit lassen mit der Lady. Nach drei Beinen hat Lucy dann meistens schon das Interesse an ihr verloren und legt mir die lahme Beute mitten vor die Haustür. „Hey, sieh mal, was ich hier vor deine Tür gelegt habe. Ich hab meine Arbeit gemacht“. 

Für den Worringer Platz habe ich vor einigen Jahren eine Feng Shui Studie gemacht. Zum Einen, weil dieser Platz so viel menschliches Leid auslöst, und zum Anderen, weil auch einer meiner Freunde betroffen war und nicht zuletzt aus tiefem Respekt vor unseren vielen unschuldigen Kindern, die ja auch in dieser Stadt leben. 

Das Ergebnis meiner Studie war, dass das Problem die Straßen sind, die zu diesem Platz hinführen. Von oben sehen die 8 Straßen genauso aus wie Spinnenbeine. Wenn man jedoch mindestens 2 Straßen beruhigt, also ihren Energiefluss stoppt, dann kann man diesen Platz heilen. Man muss nur genau wissen, welche. Wir müssen die Kräfte der Natur respektieren. Ihre kosmische Geometrie. Mit diesem Respekt kommt das Wissen, wie aus einem destruktiven Platz ein Ort der Harmonie, der Kraft und Blüte entstehen kann. Wenn man die richtigen Entscheidungen trifft. Harte, klare Entscheidungen. Spielerisch und lebensbejahend. Wild und unschuldig. Um mit Lucys Worten zu sprechen: „Hey, schaut euch mal meine Studie an. Ich habe sie schon vor langer Zeit vor Eure Tür gelegt. Ich hab meine Arbeit gemacht“. 

Der Himmel hat seine Vögel nicht mitgenommen. Und er ist auch nicht gegangen.