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Way of the whale 01

Wenn ich das Lied der Wellen singe, ja dann kann ich ihr helfen!

NACH DEM MENSCHLICHEN BEWUSSTSEIN IM GEHIRN ZU SUCHEN, IST WIE DER VERSUCH, DEN SPRECHER IM RADIO ZU FINDEN

Nassim Haramein

Playa Blanca, Puerto Jiménez, Osa Peninsula, Costa Rica

Für den 11. August 2024 ist in Puerto Jiménez mit einem sehr typischen, tropisch-feuchten Wetterbild der Regenzeit zu rechnen:

Regenwahrscheinlichkeit: Sehr hoch (bis zu 90–96%), mit Schauern, die schwer und anhaltend sein können.

Temperaturen: Warm und schwül. Die Höchstwerte liegen tagsüber bei ca. 29-32 Grad, während sie nachts kaum unter 24 – 25 Grad fallen.

Bewölkung: Der Himmel ist überwiegend grau und bedeckt, sonnige Abschnitte sind selten.

Gefühlte Temperatur: Durch die hohe Luftfeuchtigkeit liegt die gefühlte Temperatur mittags oft höher, bis zu 32 Grad.

Empfehlung: Stellen Sie sich auf Schauer ein, insbesondere am Nachmittag. Regenkleidung und wasserdichte Taschen für Ausflüge sind empfehlenswert.

Heute morgen habe ich unter meinem Bett in meiner kleinen Strandhütte eine große Spinne entdeckt. Sie war ziemlich groß, in Deutschland gibt es so große Spinnen gar nicht. Ich ärgere mich darüber, dass meine Haustür so eine große Türritze hat.

Allerdings: wenn man die Spinnen hier in Ruhe lässt, lassen sie einen auch in Ruhe. Sie hocken halt nur so rum und lassen mich an meine uralte Spinnenphobie denken, die ich zum Glück inzwischen überwunden habe. Früher bin ich ja schreiend aus dem Raum, nein – aus dem Haus gelaufen, wenn eine für hiesige Verhältnisse kleine Spinne so schwarz und bedrohlich in der weißen Duschtasse hockte. Diese Spinnen hier hocken nicht nur. Sie laufen blitzschnell und sie springen auch ziemlich hoch. Und wenn man gerne barfuss im Dunkeln durchs Haus streift, kann es passieren, dass man auf eine solche handtellergroße Spinne drauftritt. Dann kann sie schon empfindlich beissen und das ist nicht ungefährlich. Mir ist es aber noch nie passiert. Irgendwie spüre ich immer ihre Anwesenheit.

Wie bei der Schlange, die in einem Ritual bei meiner Freundin plötzlich mitten durch ihr nächtliches Wohnzimmer schlängelte, direkt an meiner Yogamatte entlang. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich halte mich mit diesen Informationen gerne etwas zurück, denn viele meiner Freunde und Familienmitglieder würden mich nicht besuchen kommen, wenn sie wüssten, was hier so los ist. Manches Wissen macht einsam, zumindest in der Menschenwelt, da behält man es lieber für sich. Aber mal abgesehen davon kommen sowieso nicht viele. Es ist einfach zu weit weg  und zu anders. Ich wohne ja im Dschungel.

Vor der Tür meiner Strandhütte hat obendrein mal wieder ein großer Frosch gehockt, eher eine fette Kröte. Ganz unbeeindruckt bin ich nicht geblieben von diesen beiden Gästen, besonders wegen der Spinne, denn ich habe sie noch nicht gefangen. Das hebe ich mir für später auf, denn ich muss mich gut konzentrieren, damit ich sie erfolgreich nach draussen bugsieren kann und sie nicht hüpfend unter oder in einen meiner Schränke entwischt. Ich glaube, ich brauche eine Katze, die mir hilft, mein Haus in Ordnung zu halten bei diesem Spinnen-Thema.

Erstmal freue ich mich auf meinen Morgenkaffee, den ich mit diesem kleinen, lustigen roten Kaffeefilter aufbrühe, das dauert, und es ist wie jeden Morgen ein kleines Ritual. Dieser kleine rote Filter, mit diesem Henkel, den man nach oben hochklappen kann, sieht ein bisschen aus wie ein Erdbeerkörbchen. Aber der Henkel ist schlau ausgedacht und wichtig, denn sonst verbrennt man sich die Finger, wenn man ihn von der Tasse herunternimmt. Mit der dampfenden Tasse in der Hand geleite ich den fetten Frosch hinfort und gehe zum Wasser. Wie jeden Morgen schaue ich in die Wolkenformationen und die aufgehende Sonne hinein. Es ist immer wieder ein Zauber. 

Weit draussen spüre ich die Anwesenheit eines Wals. Ich bin entzückt. Gleich nach dem Kaffee schnappe ich mir ein Marmeladen- und ein Honigbrot sowie meine Trommel und wandere Richtung Mangroven-Aufzuchtfarm am anderen Ende der Playa. Dort ist um diese frühe Zeit niemand. Ich setze mich ans Wasser. Es ist Ebbe. 

Die meisten Menschen aus meinem alten Leben mögen es nicht, wenn ich singe. Und als kleines Kind hat man mir eingeredet, ich könnte überhaupt nicht singen, weil ich nicht die vorgegebenen Töne treffe. Ich habe denen lange geglaubt. Sehr lange. Viele Jahrzehnte. Bis ich eines Tages in einem schamanischen Seminar sass. Der Schamane erzählte sehr bewegend und wunderschön von seiner verstorbenen Frau, und dass fast niemand auf ihrer Beerdigung war, weil sie aufgrund ihrer langen Krankheit bei all ihren Freunden im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten war. Sie selber litt, wie meine Mutter es anhand ihrer eigenen Situation zu sagen pflegt, unter Vergesslichkeit. Offensichtlich ist das ansteckend. Diese beiden Frauen haben mit ihrer Vergesslichkeit all ihre Freunde angesteckt. Irgendetwas an dieser Geschichte wirkte in mir wie ein Weckruf, und ich spürte das Bedürfnis, für diese verstorbene Frau und für meine Mutter zu singen. 

Der Schamane weist mit seinem Arm in Richtung der Mitte des Kreises, wo all die Fellstücke, Knochen, Amulette, Gräten und Steine liegen, die die Kursteilnehmer mitgebracht hatten. Mein kleiner Walknochen, den ich letztes Jahr am Strand in der Nähe von Carate gefunden habe, lag auch dabei. 

Plötzlich kommt mir der 80. Geburtstag meines Vaters in den Sinn, wo ich todesmutig nach vorne preschte, ein Lied einstudiert hatte, weil ich endlich dieses Trauma besiegen wollte, dieses lebenslange Todesurteil meiner schiefen Töne wollte ich nicht länger hinnehmen, denn es machte mir immer schon so großen Spass zu singen. Aber die Performance an diesem Abend zwischen der Familie und all den Geburtstagsgästen ging so richtig schief, es war allen peinlich und ich konnte mich gerade noch herausreden mit einer beginnenden Erkältung. Bis heute ist diese Geschichte ein running gag auf jedem Familienfest. 

Ich sehe mich aufstehen und in die Mitte des schamanischen Kreises treten, vielleicht 40 Leute um mich herum, genau wie an dem 80. Geburtstag. Keine Ahnung, was mich diesmal lenkt. Todesmut oder schlimmeres.

Da stehe ich nun also zwischen all diesen versteinerten Knochen und kann mich kaum auf den Beinen halten. Meine Knie zitterten wie Espenlaub und ich hatte eben noch einen ziemlichen Geburtstags-Blackout, aber die Kursteilnehmer warten geduldig, zwar sind manche genauso peinlich berührt wie die Gäste damals auf dem Fest, aber wiederum andere scheinen diesen Moment schon zu kennen. Als ich schliesslich beginne, auf die Trommel zu schlagen, sind all die Geburtstagsgäste plötzlich verschwunden.

Ich trommele.

Irgendwann setzt meine Stimme ein. Ein Lied, das aus den Tiefen des Ozeans zu kommen scheint. Da bin ich jetzt, ganz unten, zusammen mit meinem kleinen Walknochen, ohne einen Lichtstrahl, und es ist ganz dunkel. Ich höre mich singen. Bin selber überrascht. „Es“ singt in mir. Der Wal kommt und nimmt mich einfach mit hinunter. Er singt mit mir. Wir singen zusammen. Ich sehe Muster aus regenbogenfarbenen Streifen, Linien, die sich im Raum bewegen in einer Art Tanz. Die beiden Frauen unten im dunklen Wasser, sie hören uns und die farbigen Lichtstrahlen bewegen sich im Takt des Gesangs im Wasser wie bunte Schlangen und die Frauen kommen und singen mit. Schliesslich bringt der Wal die beiden alten Frauen auf seinem Buckel mit nach oben und sie setzen sich in die Mitte des Kreises. Von nun an wachen sie über das, was in diesem Seminar geschehen wird.

Als ich fertig bin, schaue ich mich um. Der Kursleiter weint. Andere schauen betreten zu Boden. Manche haben die Augen geschlossen. Ich verneige mich und gehe zurück an meinen Platz.

Mir kommt ein Satz in den Sinn von einem Physiker namens Nassim Haramein. Er forscht zum Thema des vereinheitlichten Feldes. „Nach dem menschlichen Bewusstsein im Gehirn zu suchen, ist wie der Versuch, den Sprecher im Radio zu finden“.

Wie ich hier so am Strand von Playa Blanca sitze neben der Mangroven-Farm, denke ich: Für mich war es eines der mutigsten Dinge, die ich jemals gemacht habe. 

Ich schaue über den Golfo Dulce und teile meine Brote mit ihm. Erdbeermarmelade mit Honig. Dann nehme ich einmal mehr diesen alten Mut zusammen und beginne zu trommeln und zu singen. Nach ein paar Minuten kommt die Walin in die Bucht geschwommen. Sie hat ihr Baby dabei. Wir singen zusammen und geniessen die Gegenwart des anderen. Irgendwo in Zeit und Raum treffen sich die Schallwellen, die wir gemeinsam entstehen lassen und sie verbinden sich zu einem wunderschönen Muster aus regenbogenfarbenen Strahlen über dem Golfo Dulce. 

In diesem Moment beginnt das Wasser wieder zu steigen. Und es beginnt zu regnen. Ich gehe zurück und finde die Spinne vor meiner Strandhütte sitzend. Gut so, Madame, das ist deine Richtung. Mit meinem Besen gebe ich der Lady den letzten Kick über die Terrasse und raus ins Gebüsch. Ich bin froh, dass die Tür so eine große Ritze hat.